BILDUNG Schüler des Ulrichsgymnasiums Norden zu Besuch in Paris - Thema: Flucht, Vertreibung und Migration in Krisenzeiten

NORDEN/ELA –Erneut beteiligten sich Schüler des Ulrichsgymnasiums an einem Treffen des „Relais de la Mémoire“, einer Vereinigung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Erfahrungen von politisch verfolgten Zeitzeugen an die nachfolgende Generation weiterzugeben.

Das Frühjahrstreffen in Paris (Frankreich) widmete sich dem Thema „Flucht, Vertreibung und Migration in Krisenzeiten“. Leo Müller, einer der Schüler, führte dabei ein beeindruckendes Gespräch mit Mélanie Berger-Volle. Die heute 97-Jährige kämpfte während des Hitler-Regimes gegen die Nationalsozialisten.
Die Norder Schülerinnen und Schüler Helene Fisahn, Sophie Tietz, Nadja Kasolowsky, Jasmin Grumme, Frauke de Vries, Leo Müller und Jannis Düngemann sowie der Zeitzeuge Rudolf Müllan und die Lehrer des Ulrichsgymnasiums Petra Drüke und Dr. Jörg-W. Rademacher machten sich von Norden aus auf nach Paris. Im Gepäck hatten sie einen eigenen Beitrag zum Thema: „Flucht, Vertreibung und Migration in Krisenzeiten“. Die Gruppe verglich die Flucht beziehungsweise die Vertreibung eines jüdischen Schülers aus Norden (im Jahr 1935), eines jungen Heimatvertriebenen aus Schlesien (1945) sowie eines syrischen Flüchtlingsmädchens (2013). Alle waren beziehungsweise sind noch Schüler des Ulrichsgymnasiums.
Die Vereinigung „Mémoire des Déportés et des Résistants d’Europe“ wurde Ende der 1980er -Jahre von französischen Überlebenden des Holocausts gegründet und im Jahr 2001 um eine Jugendorganisation erweitert. Das europäische Projekt hat das Ziel, Zeitzeugenerfahrungen an die junge Generation weiterzugeben. Das Motto lautet: „Aus Erinnerung entsteht die Zukunft und im Besonderen die Zukunft Europas.“


Schwerpunkt bildet die Zeit des Nationalsozialismus, aber es werden auch immer wieder aktuelle Themen angesprochen, die die politische Situation in Europa zum Inhalt haben. Beteiligt sind zurzeit 13 Schulen aus Paris, Marseille, Krakau, Wien, Newcastle und Norden, die an drei Tagen das gewählte Jahresthema bearbeiten. Dabei stehen Zeitzeugenberichte im Vordergrund. Außerdem hören die Schüler Expertenvorträge, setzen das Jahresthema in künstlerisch-musischen Workshops um, besuchen Gedenkstätten, diskutieren untereinander und stellen ihre eigenen Arbeiten in verschiedenen Sprachen vor.
Der Norder Schüler Leo Müller war Mitglied einer Arbeitsgruppe, die ein Zeitzeugengespräch mit Mélanie Berger-Volle, einer Widerstandskämpferin gegen das NS-Regime, führen durfte. Die folgenden Aufzeichnungen verfasste er nach dem Gespräch: „Ihre Geschichte beginnt in einem Sozialbau in Wien, wo sie sich als Kind schon in der Zeit vor Hitler Gedanken über die soziale Ungerechtigkeit der Gesellschaft gemacht hat. Ihre utopischen Gedanken über eine Welt, in der jeder Mensch solidarisch Arbeit, Essen und Bildung erhält, prägten schon früh das Weltbild der damals jungen Widerständlerin. Sie erzählte davon, wie sie und ihre jugendlichen Mitstreiter anfingen, sich politisch gegen den Staat zu engagieren, nachdem die rechte Bewegung durch den Aufstieg der Nationalsozialisten an Stärke gewonnen hatte und alle anderen Parteien verboten wurden. So geriet die 17-Jährige durch das Verteilen von Flugblättern gegen den Faschismus ins Visier der Polizei, woraufhin sie – wie viele Andersdenkende zu dieser Zeit – aus dem nationalsozialistisch geprägten Österreich flüchten musste. Sie verkleidete sich als Minenarbeiter und überquerte die belgische Grenze. Durch Hilfsorganisationen erhielt sie Essen und Unterkunft. Von Belgien aus kam sie mit einer Freundin über Lille nach Paris, wo ihr die Beamten, die sie aufgrund ihres französisch klingenden Nachnamens (Berger) gut behandelten, eine Aufenthaltserlaubnis ausstellten. Bei Ausbruch des Krieges musste sie erneut fliehen, nachdem man ihre österreichische Herkunft aufdeckte und sie als Feindin ansah. Durch Zufall begegnete sie dabei einem alten Bekannten. Dieser brachte sie mit Gleichgesinnten in Verbindung, später mietete sie sich unter ihrem Namen ein Zimmer in Paris, wo die richtige politische Arbeit begann. Aus einer kleinen Gruppe Jugendlicher wurde eine richtige Widerstandsbewegung. Madame Berger-Volle nutzte ihr Talent, extrem klein schreiben zu können, um so Anti-Hitler-Parolen und Informationen über Truppenbewegungen weiterzugeben und zu verteilen. Unglücklicherweise wurde sie eines Tages erwischt, verhaftet und zu 15 Jahren Gefängnis in Toulouse verurteilt. Sie beschrieb die französischen Gefängnisse als grauenhaften Ort: Sie wurde mit 60 Insassen auf kleinen Raum eingesperrt, ohne Möglichkeit, sich richtig waschen zu können. Es gab nur einen kleinen Wasserhahn auf dem Hof, wo das Waschen jedoch strikt verboten war. Das hat sie allerdings nicht davon abgehalten, es mehrfach zu tun. Obwohl sie dafür jedes Mal bestraft wurde, regte ihr Widerstand andere zum Mitmachen an und sie setzte sich schlussendlich durch. Nach zwei Jahren Gefangenschaft wurde sie endlich von Mitgliedern ihrer eigenen Widerstandsgruppe befreit. Zum Schluss ihrer Erzählungen zeigte Madame Berger-Volle das Bild eines Mannes in einer Hamburger Schiffswerft, der inmitten einer Menge von begeisterten Anhängern Hitlers sich weigert, den Hitlergruß zu machen. Wie sie in ihrer Erzählung herausstellte, wurde der Mann für seine Verweigerung hingerichtet, jedoch wurde sein Vermächtnis – das Foto – Symbol und Inspiration, Widerstand zu leisten und sich seine eigene Meinung zu bilden.“
Der Norder Leo Müller machte nach den Ausführungen deutlich: „Alles in allem kann ich nur sagen, was für eine ungeheure Ehre es für mich war, diese unglaubliche Geschichte von Madame Berger-Volle hören zu dürfen. IhreTaten sind eine wahre Inspiration für jeden und ihr Mut etwas, was wir heute genauso dringend wie damals benötigen.“

Entnommen aus dem Ostfriesischen Kurier vom 24.04.2018, Seite 5.